Besinnliche Weihnachtsgedichte

Besinnliche Weihnachtsgedichte

Im Winter zieht sich die Natur zurück. In Abgeschiedenheit und Stille sammelt sie Kräfte für das neue Jahr. Wenn die Tage kürzer werden, machen auch wir es uns gern zu Hause gemütlich. Was eignet sich dann besser zur Einstimmung auf die Weihnachtszeit als ein Gedicht! Beim Lesen oder Vorlesen eines Weihnachtsgedichts verschwinden Stress und Hektik wie von selbst.

Allein die Sprache und der Rhythmus von Lyrik können wohltuend sein. Gedichte lassen Raum für eigene Assoziationen. Vielleicht werden alte Erinnerungen wach, vielleicht schleicht sich auch leise Wehmut ein. Stöbern Sie doch einfach mal in unserer Sammlung besinnlicher Weihnachtsgedichte. Und wenn Sie mit dem Begriff »Besinnlichkeit« nicht viel anfangen können, dann finden Sie in Abschnitt 2 und 3 Gedanken und Anregungen zum Thema.


Besinnliche Weihnachtsgedichte

Die folgenden Weihnachtsgedichte laden ein zum Innehalten und zu Besinnlichkeit. Sie können inspirieren oder uns sogar neue Energie schenken. Vielleicht finden Sie darunter Ihr ganz persönliches Lieblingsgedicht:

Weihnachten

Ich sehn' mich so nach einem Land
der Ruhe und Geborgenheit.
Ich glaub', ich hab's einmal gekannt,
als ich den Sternenhimmel weit
und klar vor meinen Augen sah,
unendlich großes Weltenall.
Und etwas dann mit mir geschah:
Ich ahnte, spürte auf einmal,
daß alles: Sterne, Berg und Tal,
ob ferne Länder, fremdes Volk,
sei es der Mond, sei's Sonnenstrahl,
daß Regen, Schnee und jede Wolk',
daß all das in mir drin ich find',
verkleinert, einmalig und schön.
Ich muß gar nicht zu jedem hin,
ich spür' das Schwingen, spür' die Tön'
ein's jeden Dinges, nah und fern,
wenn ich mich öffne und werd' still
in Ehrfurcht vor dem großen Herrn,
der all dies schuf und halten will.
Ich glaube, das war der Moment,
den sicher jeder von euch kennt,
in dem der Mensch zur Lieb' bereit:
Ich glaub', da ist Weihnachten nicht weit!
Verfasser unbekannt
Weihnachten ist das Fest der Liebe! Dieses schöne und besinnliche Weihnachtsgedicht spricht von der Sehnsucht, sich in der Welt aufgehoben und geborgen zu fühlen. Der unbekannte Verfasser findet schließlich in sich die Bereitschaft zu umfassender Liebe; damit ist Weihnachten für ihn ganz nah.

Der Dezember

Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man's versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
»Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.«
Erich Kästner (1899-1974)
»Der Dezember« stammt aus dem Gedichtzyklus »Die dreizehn Monate« von Erich Kästner. Im »Januar« begegnet uns das Jahr in aller Unschuld als neugeborenes Kind; im »Dezember« ist es alt und krank geworden. Das Gedicht regt zum Nachdenken über das Leben und das Sterben an. Mit seiner leisen Wehmut passt es gut in die beschauliche Weihnachtszeit. Den ganzen Zyklus findet man übrigens unter http://www.erich-kaestner-kinderdorf.de/Gedichte.htm.

Noch einmal ein Weihnachtsfest

Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm' ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte.
Alles Gute, alles Schlechte –
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben raus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.
Theodor Fontane (1819-1898)
Der deutsche Dichter Theodor Fontane schrieb dieses Gedicht »Zum 24. Dezember 1890«. Damals war er fast 71 Jahre alt. Man kann die Zeilen als einen Rückblick aufs Leben lesen. Der Dichter ermutigt uns, in der Weihnachtszeit wohlwollend zurückschauen: Die gelungenen Dinge gehören ebenso in die Jahresbilanz wie die Misserfolge.

In Weihnachtszeiten

In Weihnachtszeiten reis ich gern
Und bin dem Kinderjubel fern
Und geh in Wald und Schnee allein.
Und manchmal, doch nicht jedes Jahr,
Trifft meine gute Stunde ein,
Daß ich von allem, das da war,
Auf einen Augenblick gesunde
Und irgendwo im Wald für eine Stunde
Der Kindheit Duft erfühle tief im Sinn
Und wieder Knabe bin . . .
Hermann Hesse (1877-1962)
Aus: Hermann Hesse: In Weihnachtszeiten. Betrachtungen, Gedichte und Aquarelle des Verfassers. Ausgewählt von Volker Michels, insel taschenbuch 4404, © Suhrkamp Verlag, Berlin

Schenken und Bereuen

Der ist ein Narr, der schenket Gut
Und es nicht gibt mit frohem Mut
Und dazu sauer und böse sieht,
Daß keinem Liebes damit geschieht;
Denn der verliert wohl Dank wie Gabe,
Wer so bedauert verschenkte Habe.
So ist auch der, der etwas schenkt,
Dabei an Gottes Willen denkt,
Und doch hat Reu und Leid davon,
Wenn Gott ihm nicht gleich gibt den Lohn.
Wer will mit Ehren Geschenke machen,
Der tu's als guter Geselle mit Lachen
Und sprech nicht: »Zwar, ich tu's nicht gern!«
Will er nicht Dank und Lohn entbehrn.
Denn Gott sieht dessen Gab nicht an,
Der nicht mit Freuden schenken kann;
Das Seine mag jeder behalten wohl,
Zum Schenken man niemand zwingen soll;
Allein aus freiem Herzen kommt
Geschenk, das einem jeden frommt.
Der Dank gar selten verlorengeht;
Wenn er zuweilen auch kommt spät,
So pflegt sich alles doch zu schlichten
Und nach der Ordnung einzurichten.
Mag einer keinen Dank auch sagen,
So find't man gegen solch Betragen
Bald einen dankbar weisen Mann,
Der alles wohl vergelten kann.
Doch wer vorhält geschenkte Gaben,
Der will den Händedruck nicht haben
Und will nicht warten aufs Vergelten;
Geschenk vorrücken muß man schelten.
Den sieht man über die Achseln an,
Wer seine Wohltat vorhalten kann:
Er selbst gewinnt nicht mehr daran.
Sebastian Brant (1458-1521)
Dieses Gedicht ist ein Teil von Sebastian Brants Werk »Das Narrenschiff«. Schon der Titel verrät, dass es sich nicht um ein Weihnachtsgedicht im eigentlichen Sinne handelt. Tatsächlich ist »Das Narrenschiff« erstmals zur Fastnacht 1494 erschienen. Brant nahm das närrische Treiben zum Anlass, der damaligen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Warum haben wir es dann aber in unsere Sammlung besinnlicher Weihnachtsgedichten aufgenommen? Wir finden es anregend und auch amüsant, wie Brant sich Gedanken über die Haltung beim Schenken macht. Wieviel Berechnung ist dabei im Spiel? Welche Gegenleistung erwartet oder erhofft man sich? Jedenfalls kann das Gedicht dabei helfen, uns selbst besser kennenzulernen oder sogar auf die Schliche zu kommen.

Weihnacht

Zeit der Weihnacht, immer wieder
rührst du an mein altes Herz,
führst es fromm zurück
in sein früh'stes Glück,
kinderheimatwärts.

Sterne leuchten über Städte,
über Dörfer rings im Land.
Heilig still und weiß
liegt die Welt im Kreis
unter Gottes Hand.

Kinder singen vor den Türen:
»Stille Nacht, heilige Nacht!«
Durch die Scheiben bricht
hell ein Strom von Licht,
aller Glanz erwacht.

Und von Turm zu Turm ein Grüßen,
und von Herz zu Herz ein Sinn,
und die Liebe hält
aller Welt
ihre beiden Hände hin.
Gustav Falke (1853-1916)

Weihnacht

Weihnachtsgeläute
Im nächtigen Wind ...
Wer weiß, wo heute
Die Glocken sind,
Die Töne von damals sind?
Die lebenden Töne
Verflogener Jahr'
Mit kindischer Schöne
Und duftendem Haar,
Mit tannenduftigem Haar,
Mit Lippen und Locken
Von Träumen schwer? ...
Und wo kommen die Glocken
Von heute her,
Die wandernden heute her?
Die kommenden Tage,
Die weh'n da vorbei.
Wer hört's, ob Klage,
Ob lachender Mai,
Ob blühender, glühender Mai? …
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Die heiligen drei Könige

Aus fernen Landen kommen wir gezogen;
Nach Weisheit strebten wir seit langen Jahren,
Doch wandern wir in unsern Silberhaaren.
Ein schöner Stern ist vor uns hergeflogen.

Nun steht er winkend still am Himmelsbogen:
Den Fürsten Judas muss dies Haus bewahren.
Was hast du, kleines Bethlehem, erfahren?
Dir ist der Herr vor allen hochgewogen.

Holdselig Kind, lass auf den Knien dich grüßen!
Womit die Sonne unsre Heimat segnet,
Das bringen wir, obschon geringe Gaben.

Gold, Weihrauch, Myrrhen, liegen dir zu Füßen;
Die Weisheit ist uns sichtbarlich begegnet,
Willst du uns nur mit Einem Blicke laben.
August Wilhelm Schlegel (1767-1845)

Weihnachtslied

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht.
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder.
Ich fühl's, ein Wunder ist geschehn.
Theodor Storm (1817-1888)

Weihnachten

Leise weht's durch alle Lande
wie ein Gruß vom Sternenzelt,
schlinget neue Liebesbande
um die ganze weite Welt.

Jedes Herz mit starkem Triebe
ist zu Opfern froh bereit,
denn es naht das Fest der Liebe,
denn es naht die Weihnachtszeit.

Und schon hat mit tausend Sternen
sich des Himmels Glanz entfacht,
leise tönt aus Himmelsfernen
Weihgesang der heil'gen Nacht.

Hell aus jedem Fenster strahlet
wundersam des Christbaums Licht,
und der Freude Schimmer malet
sich auf jedem Angesicht.

Lichte Himmelsboten schweben
ungeseh'n von Haus zu Haus;
selig Nehmen, selig Geben
geht von ihrer Mitte aus.

O willkommen, Weihnachtsabend,
allen Menschen, groß und klein!
Friedebringend, froh und labend
mögst du allen Herzen sein!
Adelheid Wette (1858 -1916)
Adelheid Wette hat neben Kinderliedern auch das Märchenspiel »Hänsel und Gretel« gedichtet. Ihr Bruder, der Komponist Engelbert Humperdinck, hat das Libretto vertont und so die gleichnamige Oper geschaffen.

Bereitet die Wege

Bereitet die Wege, bereitet die Bahn!
Bereitet die Wege
und machet die Stege
im Glauben und Leben
dem Höchsten ganz eben,
Messias kömmt an!
Salomon Franck (1659-1725)
Das Gedicht ist auch bekannt als Kantate von Johann Sebastian Bach (BWV 132). Er hat sie im Jahre 1715, während seiner Zeit als Konzertmeister am Weimarer Hof, komponiert. Der Hofdichter Salomon Franck hat im selben Jahr den Text dazu verfasst.

Weihnachten wird es für die Welt!

Weihnachten wird es für die Welt!
Mir aber – ist mein Lenz bestellt,
Mir ging in solcher Jahresnacht
Einst leuchtend auf der Liebe Pracht!
Und an der Kindheit Weihnachtsbaum
Stand Englein gleich der erste Traum!
Und aus dem eiskristall'nen Schoß
Rang sich die erste Blüte los –
Seitdem schau' ich nun jedes Jahr
Nicht was noch ist – nur was einst war!
Adele Schopenhauer (1797-1849)

Ein Weihnachtswunsch: Besinnlichkeit

Nur – Besinnlichkeit ist ein Begriff, der kaum noch in die heutige Zeit zu passen scheint. Unser Alltag ist getaktet; viele hetzen von Termin zu Termin, sowohl im Beruf als auch privat. Besonders die Vorweihnachtszeit ist oft mit Stress verbunden. Und dann geht das Jahr seinem Ende entgegen: Weihnachten ist da! Plötzlich wünscht man uns von allen Seiten Besinnlichkeit: auf Weihnachtskarten, in Emails und selbst in Grüßen via WhatsApp. Leider wissen die meisten von uns kaum noch, wie das geht: sich besinnen.


Wie finde ich zu Besinnlichkeit und Gelassenheit?

Dabei kann es so wohltuend sein, sich dem Trubel einmal zu entziehen. Das ist mitunter auch im Kreis der Familie oder unter Freunden möglich. Zu neuer Kraft und Inspiration finden wir aber vor allem im Alleinsein. Östliche und westliche Weisheitslehrer üben sich in Meditation. Sie schaffen es dabei, alles loszulassen, zur Ruhe und zu ihrer Mitte zu finden. Wie kann es auch uns gelingen, den Lärm der Welt draußen zu lassen und uns zu besinnen?

  • Nehmen Sie sich eine kurze Zeit der Stille nur für sich – wenn Kinder, Partner oder Verwandte das nicht zulassen wollen, wünschen Sie sich diese Stunde doch einfach zu Weihnachten!
  • Ziehen Sie sich zurück an Ihren Lieblingsort – wenn Sie im Haus keine Ruhe finden, machen Sie einen Winterspaziergang!
  • Lassen Sie sich von einem besinnlichen Weihnachtsspruch oder Weihnachtsgedicht zum Nachdenken anregen. Schriftsteller und Lyriker aller Zeiten haben sich auch zu Weihnachten Gedanken über den Sinn des Lebens und des Sterbens gemacht.
  • Seien Sie offen für Ihre eigenen Gedanken und Gefühle. Vielleicht halten Sie Rückschau auf das Jahr. Ältere lassen mitunter ein ganzes Leben Revue passieren. Oft erkennen wir dann plötzlich Gründe für Dankbarkeit: dem Leben an sich oder einzelnen Menschen gegenüber. Oder wir spüren Trauer und können sie zulassen.
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