Herbstgedichte

Herbstgedichte

Abwechslungsreich begegnet uns der Herbst: Der Oktober zeigt sich in goldenem Licht, schenkt uns Farben und Fülle und noch manch sonnigwarmen Tag, der November dagegen ist nasskalt und grau, die Tage werden merklich kürzer und die Menschen wenden sich nach innen. Diese unterschiedlichen Motive finden sich auch in der Dichtung wieder. Wir haben eine Auswahl von Herbstgedichten für Sie gesammelt und hoffen, dass Sie Ihrer Stimmung entsprechend das passende finden.


Gedichte zum Herbstanfang

Lesen im Herbst
Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
Eduard Möricke (1804–1875)
Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,

Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
Friedrich Hebbel (1813–1863)
Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluren lass die Winde los.



Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;

gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin, und jage

die letzte Süße in den schweren Wein. 


Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke (1875–1926)
Herbst

Nun lass den Sommer gehen,
Lass Sturm und Winde wehen.
Bleibt diese Rose mein,
Wie könnt ich traurig sein?
Joseph von Eichendorff (1788–1857)
Nun stehen die Tage grau, lässig, still,

Weil es herbsten will.

Der Sommer wird arm.
Doch ich trage junge Violen im Haar

Und Maienstrahlen, eine goldhelle Schar,

Und die Sonne im Arm.
Max Dauthendey (1867 - 1918)

Gedichte im Oktober und zur Erntezeit

Segelboot im Herbst
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand,

Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,

Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,

Und kam in Pantinen ein Junge daher,

So rief er: »Junge, wiste ’ne Beer?«

Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick hebb ’ne Birn.«


So ging es viel Jahre, bis lobesam

Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,

Wieder lachten die Birnen weit und breit;

Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.

Legt mir eine Birne mit ins Grab.«

Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,

Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,

Und die Kinder klagten, das Herze schwer:

»He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?«


So klagten die Kinder. Das war nicht recht –
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;

Der neue freilich, der knausert und spart,

Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon

Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,

Als um eine Birn’ ins Grab er bat,

Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus

Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,

Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,

Und in der goldenen Herbsteszeit

Leuchtet’s wieder weit und breit.

Und kommt ein Jung’ übern Kirchhof her,

So flüstert’s im Baume: »Wiste ’ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick gew’ di ’ne Birn.«
So spendet Segen noch immer die Hand

Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
Theodor Fontane (1819–1898)
Herbst

Astern blühen schon im Garten;

Schwächer trifft der Sonnenpfeil

Blumen, die den Tod erwarten

Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Heide,

Blätter zittern durch die Luft.

Und es liegen Wald und Weide

Unbewegt in blauem Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,

Kranich auf der Winterflucht.

Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,

Welke Rosen, reife Frucht.
Detlev von Liliencron (1844–1909)
Herbstlied

Bunt sind schon die Wälder,
Gelb die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind.

Wie die volle Traube

Aus dem Rebenlaube

Purpurfarbig strahlt!

Am Geländer reifen

Pfirsiche, mit Streifen

Rot und weiß bemalt.

Flinke Träger springen,
Und die Mädchen singen,
Alles jubelt froh!
Bunte Bänder schweben
Zwischen hohen Reben
Auf dem Hut von Stroh.

Geige tönt und Flöte

Bei der Abendröte

Und im Mondesglanz;

Junge Winzerinnen

Winken und beginnen

Frohen Erntetanz.
Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762–1834)
Herbstlied

Der Frühling hat es angefangen,
Der Sommer hat’s vollbracht.
Seht, wie mit seinen roten Wangen
So mancher Apfel lacht!

Es kommt der Herbst mit reicher Gabe,
Er teilt sie fröhlich aus,
Und geht dann wie am Bettelstabe,
Ein armer Mann, nach Haus.

Voll sind die Speicher nun und Gaden,
Dass nichts uns mehr gebricht.
Wir wollen ihn zu Gaste laden,
Er aber will es nicht.

Er will uns ohne Dank erfreuen,
Kommt immer wieder her:
Lasst uns das Gute drum erneuen,
Dann sind wir gut wie er.
Hoffmann von Fallersleben (1798–1874)
Verklärter Herbst     
      
Gewaltig endet so das Jahr
mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
und sind des Einsamen Gefährten.
 
Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.
 
Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluss hinunter
wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
das geht in Ruh und Schweigen unter.
Georg Trakl  (1887–1914)
Oktoberlied

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz -
Stoß an und lass es klingen!
Wir wissen’s doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!
Theodor Storm (1817–1888)
Im Herbst

Die Sonnenblumen leuchten am Zaun,
Still sitzen Kranke im Sonnenschein.
Im Acker müh’n sich singend die Frau’n,
Die Klosterglocken läuten darein.

Die Vögel sagen dir ferne Mär,
Die Klosterglocken läuten darein.
Vom Hof tönt sanft die Geige her.
Heut keltern sie den braunen Wein.

Da zeigt der Mensch sich froh und lind.
Heut keltern sie den braunen Wein.
Weit offen die Totenkammern sind
Und schön bemalt vom Sonnenschein.
Georg Trakl  (1887–1914)
Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne;
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.
Friedrich Hölderlin (1770–1843)
Oktobersturm

Schwankende Bäume
im Abendrot –
Lebenssturmträume
vor purpurnem Tod –

Blättergeplauder –
wirbelnder Hauf –
nachtkalte Schauder
rauschen herauf.
Christian Morgenstern (1871–1914)
Fülle

Genug ist nicht genug! Gepriesen werde

Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!
Tief beugt sich mancher allzu reich beschwerte,

Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zur Erde.

Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!

Die saft’ge Pfirsche winkt dem durst’gen Munde!

Die trunk’nen Wespen summen in die Runde:

»Genug ist nicht genug!« um eine Traube.

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen

Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,

Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,

Genug kann nie und nimmermehr genügen!
Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898)

Gedichte im November und über die Vergänglichkeit

Ruderboote im Nebel
Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Rainer Maria Rilke (1875–1926)
Herbst

Zu Golde ward die Welt;
zu lange traf
der Sonne süßer Strahl
das Blatt, den Zweig.
Nun neig
dich, Welt, hinab.

Bald sinkt’s von droben dir
in flockigen Geweben
verschleiernd zu -
und bringt dir Ruh,
o Welt,
o dir, zu Gold geliebtes Leben,
Ruh.
Christian Morgenstern (1871–1914)
Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
drängt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus;
alles fällt in Sinnen.
Leiser wird die Hand, der Mund,
stiller die Gebärde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.
Christian Morgenstern (1871–1914)
Spätherbst

Der graue Nebel tropft so still
Herab auf Feld und Wald und Heide,
Als ob der Himmel weinen will
In übergroßem Leide.
Die Blumen wollen nicht mehr blühn,
Die Vöglein schweigen in den Hainen,
Es starb sogar das letzte Grün,
Da mag er auch wohl weinen.
Hermann Allmers (1821–1902)
Herbstlied (2)

Bald fällt von diesen Zweigen

Das letzte Laub herab.

Die Büsch’ und Wälder schweigen,

Die Welt ist wie ein Grab.

Wo sind sie denn geblieben?

Ach! sie sangen einst so schön –

Der Reif hat sie vertrieben,

Weg über Berg und Höh’n.
Und bange wird’s und bänger

Und öd’ in Feld und Hag;

Die Nächte werden länger,

Und kürzer wird der Tag.

Die Vögel sind verschwunden,

Suchen Frühling anderswo;

Nur wo sie den gefunden,

Da sind sie wieder froh.
Und wenn von diesen Zweigen

Das letzte Laub nun fällt,

Wenn Büsch’ und Wälder schweigen,

Als trauerte die Welt –

Dein Frühling kann nicht schwinden,

Immer gleich bleibt dein Geschick,

Du kannst den Frühling finden

Noch jeden Augenblick.
Hoffmann von Fallersleben (1798–1874)
Solch ein lauer weißer Tag,

Mag die Hände gar nicht rühren,

Nur die Augen liegen wach.
Draußen welken gelb die Bäume,

In der stillen Esche nicken

Graue Blätter, altersschwach.

Graue Blätter, graue Träume.
Max Dauthendey (1867 - 1918)
Herbst

Schon ins Land der Pyramiden

Flohn die Störche übers Meer;

Schwalbenflug ist längst geschieden,

Auch die Lerche singt nicht mehr.

Seufzend in geheimer Klage

Streift der Wind das letzte Grün;

Und die süßen Sommertage,

Ach, sie sind dahin, dahin!

Nebel hat den Wald verschlungen,

Der dein stillstes Glück gesehn;

Ganz in Duft und Dämmerungen

Will die schöne Welt vergehn.

Nur noch einmal bricht die Sonne

Unaufhaltsam durch den Duft,

Und ein Strahl der alten Wonne

Rieselt über Tal und Kluft.

Und es leuchten Wald und Heide,

Dass man sicher glauben mag,

Hinter allem Winterleide

Lieg’ ein ferner Frühlingstag.
Theodor Storm (1817–1888)
Graues Land

Wolken in dämmernder Röte

droh’n über dem einsamen Feld.

Wie ein Mann mit trauriger Flöte

geht der Herbst durch die Welt.
Du kannst seine Nähe nicht fassen,

nicht lauschen der Melodie.

Und doch: in dem fahlen Verblassen

der Felder fühlst du sie.
Stefan Zweig (1881 - 1942)
Über die Heide

Über die Heide hallet mein Schritt;
Dumpf aus der Erde wandert es mit.

Herbst ist gekommen, Frühling ist weit –

Gab es denn einmal selige Zeit?

Brauende Nebel geisten umher;

Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.

Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai!

Leben und Liebe – wie flog es vorbei!
Theodor Storm (1817–1888)
Herbstentschluß

Trübe Wolken, Herbstesluft,

Einsam wandl ich meine Straßen,

Welkes Laub, kein Vogel ruft.

Ach, wie stille! wie verlassen!

Todeskühl der Winter naht;

Wo sind, Wälder, eure Wonnen?

Fluren, eurer vollen Saat

Goldne Wellen sind verronnen!

Es ist worden kühl und spät,

Nebel auf der Wiese weidet,

Durch die öden Haine weht

Heimweh; – alles flieht und scheidet.

Herz, vernimmst du diesen Klang

Von den felsentstürzten Bächen?

Zeit gewesen wär es lang,

Dass wir ernsthaft uns besprächen!

Herz, du hast dir selber oft

Weh getan und hast es andern,

Weil du hast geliebt, gehofft;

Nun ist's aus, wir müssen wandern!

Auf die Reise will ich fest

Ein dich schließen und verwahren,

Draußen mag ein linder West

Oder Sturm vorüberfahren;

Dass wir unsern letzten Gang

Schweigsam wandeln und alleine,

Dass auf unserm Grabeshang

Niemand als der Regen weine!
Nikolaus Lenau (1802–1850)
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